Alter und dementer Hund

Die kleine Betsy war 12 Jahre alt, als sie im 2009 bei uns einzog. Sie stammte aus Spanien und war bereits auf einer Pflegestelle in der Schweiz, als wir sie abholten. Ihr Gesamtzustand war schon damals nicht gut, die arme Seele muss wohl sehr schlecht gehalten worden sein, falls sie überhaupt mal eine Zuhause gehabt hat. Sie hatte trotzdem - oder vielleicht gerade deshalb - einen starken Charakter und liess sich nicht alles bieten. Mit anderen Worten: Betsy entschied, wann sie gestreichelt werden wollte und zeigte deutlich, wann sie ihre Ruhe haben wollte. Hochheben gefiel ihr überhaupt nicht. Sie war trotz der kleinen Grösse überhaupt nicht ein Schosshund, dafür war Betsy unser kleiner grosser Sonnenschein!

In der Zeit, in welcher Betsy bei uns war, verschlechterte sich ihr Augenlicht und ihr Gehör zunehmend. Zudem war sie vor allem in ihrem letzten Lebensjahr desorientiert. Es schien sie nicht zu stören, sie lebte einfach in ihrer eigenen Welt. Schmerzen hatte die Kleine nicht. Es war für uns wichtig, Betsys Lebensabend so angenehm wie möglich für sie zu gestalten. So schlief Betsy sehr viel und zog sich oft zurück. Dies ist für einen alten Hund sehr wichtig, denn alte und kranke Hunde schlafen bis zu 22h pro Tag! Wir achteten auch darauf, dass Betsy Ruhe vor den anderen Hunden im Haushalt hatte, wenn sie dies so wollte. 

Wir ertappten Betsy oft, wie sie einfach so da stand und wohl nicht genau wusste, wo sie war oder was sie im Sinne hatte, nun zu erledigen. Also gingen wir vorsichtig zu ihr hin, knieten uns nieder, sprachen mit ihr und streichelten sie sanft. Da "erwachte" sie dann oft aus ihrer Desorientiertheit. Wichtig ist, dass man mit solchen Hunden sehr sanft und verständnisvoll umgeht, um sie nicht zu erschrecken. Da Betsy in ihrer letzten Zeit auch praktisch nichts mehr sah und hörte, war umso grössere Vorsicht geboten. So kann man zB einen gehörlosen Hund sanft wecken, indem man ihn anbläst. So wacht er durch einen sanften Wind auf.

 

Draussen auf den Spaziergängen war Betsy sehr viel frei. Doch als die Desorientiertheit dazu kam, gab ihr die Leine grosse Sicherheit. Denn es kam vor, dass Betsy vom einen Moment auf den anderen auf dem Spaziergang umkehrte und ihren eigenen Weg ging - dies trotz ihres Alters in schnellem Tempo. Da sie sehr schlecht hörte, nützte Rufen nichts. So blieb uns nichts anderes übrig, als der kleinen Dame nachzuspringen. Als dies einige Male vorkam, entschlossen wir uns, sie zu ihrer Sicherheit nur noch an der Leine auszuführen. Die letzten Monate ihres Lebens wollte Betsy gar nicht mehr spazieren gehen. Sie begnügte sich mit vielen gemütlichen Runden im grossen Garten. 

Alte Hunde neigen oft dazu, beim Essangebot sehr wählerisch zu sein. Da es aber im hohen Hundealter wichtig ist, dass der Hund überhaupt frisst (und hier nicht mehr auf das optimalste Futter geschaut werden kann), hatte Betsy ein grosses Angebot an Essen: am Montag gab es Lachs, am Dienstag Thon, am Mittwoch Büchsenfleisch mit Huhn, am Donnerstag Hundestängeli, am Freitag nur Frolic und weitere Gudelis, am Samstag Trockenfutter und am Sonntag Hüttenkäse (um mal ein Beispiel zu nennen). War Wildfleisch am Vortag noch hoch im Kurs, drehte sich Betsy am Tag darauf demonstrativ weg, als ihr dasselbe Fleisch angeboten wurde. So etwa war es praktisch an jedem Tag. Durch das stets wachsende Angebot an Essen konnten wir aber Betsys Tagesgeschmack und ihre aktuelle Vorliebe gut nachkommen.

So vergingen Betsys Tage mit sehr viel Schlaf, gemütliche Gartenrunden und gelegentliche Streicheleinheiten, wann immer sie es wollte. Betsy verliess uns drei Jahre später, im 2012. 

Liebe Betsy, vielen Dank für die wunderbare Zeit mit Dir. Du wirst immer unser kleiner grosser Sonnenschein bleiben, patatina!

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© 2012 by nathalie rentsch